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Treffpunkt: Ehrenamt

Begegnungen und Erfahrungen mit Senioren mit Demenz

(Bericht Herr Wolter zum "Tag der Begegnung" am 15.09.12 in Hamm)

Als Sozial- und Heilpädagoge hatte ich in meinem Berufsleben immer mit Menschen gearbeitet und so lag es für mich nahe, das erworbene Wissen und die gesammelten Erfahrungen jetzt in einem ehrenamtlichen Engagement einzubringen.

Beruflich hatte ich mit Senioren wenig Kontakt und so war es bei mir regelrecht Wissensdrang und auch Herausforderung in einem Altenheim ältere Menschen näher kennen zu lernen, zumal ich ja nun selbst dem Seniorenstand angehörte. Und ich wollte etwas über Demenz und Alzheimer erfahren. Gleichzeitig bot ich der Einrichtung meine Bereitschaft an, mich in freiwilliger Mitarbeit in einem zeitlich abgesteckten Rahmen zur Verfügung zu stellen.

So begann mein neuer "Dienst" in einem Bereich des Heimes, wo Senioren lebten, bei denen Demenz und die Diagnose Alzheimer vorlag. Es war für mich eine völlig neue Situation mit Menschen zusammen zu kommen, die zeitweise desorientiert waren und in ihren Reaktionen und Gesprächen erkennen ließen, dass sie nicht in der sie umgebenden Realität lebten.

So erzählte mir eine liebenswürdige 84jährige Dame mit großem Ernst, dass sie keine Zeit zum Mittagessen habe, sie müsse Vorbereitungen treffen, denn gleich wird ihr Vater zu Besuch kommen. Es war wohl Mitgefühl, da ich die Erwartungsfreude der alten Dame spürte aber nicht zerstören wollte, zumal ihr gelöstes Lächeln mich berührte. Spontan reagierte ich mit einer Frage, ob der Vater mit dem Zug oder mit dem Auto kommt?

Ich war völlig überrascht, denn sofort war das Thema für sie erledigt und bat mich, Sie in den Speisesaal in ihrem Rollstuhl zu fahren.

So war es dann für mich lange Zeit eine wichtige und zugleich eine notwendige Einübung, gerade bei den Mahlzeiten die Speisen zu reichen ...niemals sollte es als "füttern" benannt werden... und dabei emotional dem jeweiligen Senior ein Stück weit näher zu kommen und in seine Welt eintreten zu dürfen, um ihm Sicherheit durch Achtsamkeit zu geben.

Gerade an der Mittagstafel lernte ich schnell, wie mit einfühlender Höflichkeit die Zustimmung einzuholen ist, den Löffel mit der Speise helfend füllen zu dürfen und dann der eigenen Hand zu übergeben, um die Eigenständigkeit zu erhalten und damit noch vorhandene Aktivität zu stärken.

Dabei muss der Helfer und Begleiter stets darauf bedacht sein, den unterstützungsbedürftigen Senior oder Seniorin nicht als Kleinkind zu sehen, sondern zu erkennen, dass es einfach Ausfälle in der Koordination motorischer Abläufe sind, die durch kleine Hilfestellungen aufgefangen werden und dem alten Menschen das Gefühl seiner Würde zu wahren.

So habe ich einige Jahre ganz bewusst die Gelegenheit wahrgenommen, bei den Mahlzeiten Hilfe anzubieten und muss es ganz deutlich sagen, dass die Begegnung mit demenziellen Senioren für mich eine bereichernde Zeit war, da mir diese alten Menschen vertraut wurden, die doch in einer veränderten Wahrnehmung der Realität leben und unbefangen auf jede Zuwendung durch erkennbare Dankbarkeit reagieren. Ja es entfaltet sich eine gegenseitige Herzensfreude, wenn diese Begegnungen langsam in Vertrautheit wachsen, die Unsicherheit und Ängste auffängt.

Es wurde für mich eine entscheidende Erkenntnis, dass diese oft stark veränderten Menschen eine eigene und ausgeprägte Lebenserfahrung auf dem Weg durch Jahrzehnte gesammelt haben und in manchen Augenblicken können dann diese Bilder des langen Lebens hervortreten und nur erzählt werden wollen, weil das "früher" fest in der Erinnerung verankert ist.

BauchrednerpuppeMitunter kommt es aber auch vor, dass ein Mensch im Stadium einer fortgeschrittenen Demenz die verbale Kommunikation eingestellt hat und verstummt. Mehr durch einen Zufall stieß ich irgendwann einmal auf eine Bauchrednerpuppe und dabei kam ich auf den Gedanken, diese Puppe mal mit zu den Senioren zu nehmen.

Es entstand sofort eine helle Begeisterung, die nun schon über Jahre anhält und die Puppen - inzwischen kamen einige dazu - auf wundersame Weise intensive Kommunikation auslösen; da werden persönliche Dinge der "Puppe" erzählt, die zuvor nie zur Sprache kamen. Sogar bei verstummten Senioren lösen sich mitunter die Zungen und wenn es nur einzelne Worte oder Sätze sind. Und wenn die Sprache völlig versagt, dann kann die Puppe durch eine wandelbare Mimik und Gestik auch bei diesen ganz Schwachen strahlendes Lächeln heraus locken.

Und nicht zuletzt führen die bekannten Märchen der Gebrüder Grimm in die frühe Kindheit zurück und lösen lebendige Erinnerungen an jene Zeit aus, die einmal ganz unbeschwert war.

Ich möchte einen jeden und eine jede ermutigen, sich diesen von Demenz betroffenen Menschen zu öffnen und zu erkennen, wie wichtig heute die Begleitung dieser Senioren geworden ist. Das Pflegepersonal in Heimen verfügt über begrenzte Zeit - Ehrenamtlich dagegen können Zeit unbegrenzt spenden und wer einmal diesen Schritt gewagt hat, wird reich beschenkt durch eine tiefe Dankbarkeit der alten Menschen, die uns erwarten. Der Hammer ALZheimer-ETHIK Verein berät - klärt auf - vermittelt und koordiniert und erfüllt in diesen Themenkreis einen sehr wichtigen gesellschaftlichen Auftrag.

Klaus-Jürgen Wolter

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